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Lehrstuhl für Sozialrecht, Staats- und Verwaltungsrecht, Allgemeine Staatslehre


Nachruf in: NJW 2007, 571:

Görg Haverkate †

Professor Dr. Stefan Huster, Bochum

Am 30. 12. 2006 ist Görg Haverkate überraschend in der Bretagne gestorben. Die Wissenschaft des Öffentlichen Rechts verliert damit viel zu früh einen Kollegen, der sowohl durch die Breite seiner wissenschaftlichen Interessen als auch durch seine faszinierende Persönlichkeit unvergesslich bleiben wird.

Während des Studiums der Rechtswissenschaft in Tübingen und Münster blickte Görg Haverkate, der am 2. 8. 1942 in Essen geboren wurde, weit über die Grenzen seines Fachs hinaus und eröffnete sich einen breiten Horizont historischer, philosophischer und literarischer Bildung. Bereits inspiriert durch Hans J. Wolff entstand während seiner Assistentenzeit in Köln bei Martin Kriele seine viel beachtete Dissertation „Gewissheitsverluste im juristischen Denken. Zur politischen Funktion der juristischen Methode“ (1977), die die politischen Gehalte juristischer Methodendiskussionen in einem ideologiekritischen Sinne historisch nachzeichnet. Diese Herangehensweise blieb für Görg Haverkate prägend, der zu den vermeintlichen juristischen Gewissheiten immer die reflektierte Distanz behielt, die die Jurisprudenz als wissenschaftliche Disziplin auszeichnet. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, in den folgenden Jahren - für einen Hochschullehrer ungewöhnlich genug - als selbstständiger Rechtsanwalt in Köln zu praktizieren. Nicht zuletzt diese Erfahrung führte ihn später dazu, sich an der Heidelberger Fakultät für die anwaltsorientierte Ausbildung des juristischen Nachwuchses einzusetzen, die die gestalterischen Möglichkeiten des Rechts betont.

Habilitiert wurde Görg Haverkate 1981 in Köln mit der Arbeit „Rechtsfragen des Leistungsstaats“ (erschienen 1983), die - wiederum auf einer weit ausgreifenden historischen und staatsphilosophischen Grundlage - das Verhältnismäßigkeitsgebot als ein Instrument der Kontrolle des modernen Leistungs- und Interventionsstaates und der von ihm ausgehenden Freiheitsgefahren entwickelt. Nach seiner Berufung an die Frankfurter Fakultät im Jahre 1984 auf einen Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Sozialrecht, und Allgemeine Staatslehre widmete er sich verstärkt dem Sozialrecht; dies kommt auch in seinem Referat über „Die Einheit der Verwaltung als Rechtsproblem“ auf der Jahrestagung 1987 der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer zum Ausdruck. 1989 wechselte Görg Haverkate auf den Lehrstuhl für Sozialrecht, Staats- und Verwaltungsrecht und Allgemeine Staatslehre an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Hier bündelte er seine Interessen in der umfassenden „Verfassungslehre“ (1992), die - so der Untertitel - die „Verfassung als Gegenseitigkeitsordnung“ versteht und die Bewahrung dieses Gegenseitigkeitszusammenhangs als unverzichtbare Voraussetzung für das zukünftige Gedeihen des Verfassungsstaates erweist. Dabei setzte Görg Haverkate seine Hoffnungen insbesondere auf die Europäische Integration; seine grundlegende Einführung „Europäisches Sozialrecht“ (1999), an der der Verfasser dieses Nachrufs mitwirken durfte, arbeitet diese Hoffnung für das Verhältnis von Europa- und Sozialrecht dogmatisch aus. Von den zahlreichen weiteren Veröffentlichungen sei nur noch die Monografie „Normtext - Begriff - Telos. Zu den drei Grundtypen des juristischen Argumentierens“ (1996) genannt, die seine rechtsmethodologischen Ansätze aufgreift und zusammenfasst. Wer die Texte von Görg Haverkate liest, ist häufig verwundert, wie - im besten Sinne - unjuristisch, nämlich leicht, assoziationsreich und farbig sie daherkommen. In diesen Stilelementen gleichen sie seinen Bildern, die man in seinem Heidelberger Haus und auf Ausstellungen bewundern durfte.

Wie kaum ein anderer verstand es Görg Haverkate, komplizierteste rechtsdogmatische Zusammenhänge auf die Grundfragen des Zusammenlebens zurückzuführen und auf diese Weise das Interesse der Studenten zu wecken. Sein heiteres Wesen und seine - wie er immer sagte - „altliberale“ Haltung, der nicht Überzeugungen, aber ideologische Verhärtungen fremd waren, machten ihn zu einem hochgeschätzten Lehrer und Förderer. Viele Jahre engagierte er sich an der Heidelberger Fakultät als Studiendekan für die akademische Lehre.

Görg Haverkate ist in dem Meer vor der bretonischen Küste gestorben, das er oft gemalt und sehr geliebt hat. Wäre es nicht so früh gewesen, hätte er es vermutlich so gewollt.